Eröffnungsrede zur Ausstellungseröffnung Michael Kain. Malerei und Zeichnung"  

am 3. Dezember 2005 in der Galerie Berlin-Mitte

Anita Kühnel für Michael Kain

Beim Betreten dieser Ausstellung ist man auf seltsame Weise von der einfachen Kraft einer Malerei und Zeichenkunst ergriffen, die der Besucher als solche wahrnimmt, gewissermaßen pur. Michael Kain führt uns auf unspektakuläre Weise Farbe und Leinwand, Graphit und Papier als formende Kräfte in ihrer eigenen sinnlichen Qualität vor. Seine Bilder sind von verblüffender Schlichtheit und von gleichzeitigem Reichtum. Sie strahlen etwas Selbstverständliches und zugleich Meditatives aus ohne jede Mystik.

Blickt man zurück, so beobachtet man in der Malerei Michael Kains Veränderungen, die zu einer radikalen Wandlung seiner künstlerischen Intentionen geführt haben. Das anfänglich erzählerische Moment ist nach und nach ebenso verschwunden wie der expressive Gestus einer kontrastreichen Polyphonie. In den neunziger Jahren verlagerte sich die Expressivität auf den Mal-Akt an sich. Malwut ließ den Künstler warme Farben mit bloßen Händen auftragen. Farbe wurde zum plastischen Material. Seit 2003 etwa ist Wut einer inneren Einkehr gewichen. An die Stelle der, Furchen gleich zum Relief aufgeworfenen Farbe, die Form gebar, ist eine subtilere Malerei getreten. Die Reliefs scheinen gleichsam vernarbt, wenngleich Farbe in ihrer Konsistenz fühlbar bleibt. Die Palette organischer schwerer Erdfarben ist aufgegeben zugunsten sublimer Grau-Töne, gegen die ein Ockergelb, ein Rotbraun, Weiß oder Anthrazit gesetzt sind.

Das eigentliche Thema des Malers ist die Reduktion, die Frage, wie wenig nötig ist um doch Bild zu werden. Das klingt nach theoretischem Exkurs, ist aber vielmehr Ausdruck von kompromissloser Neugier und zugleich permanenter Befreiung vom Ballast akademischen Denkens. Konsequent folgt Michael Kain, der ersten Eingebung. Sie setzt sich beim Malen und erfährt behutsame Korrekturen. Oft kommt der Maler mit nur zwei oder drei Farben aus. Auf feinsinnig abgestimmten, monochrom scheinenden Gründen malt er Zeichen, die wie zufällig und selbstverständlich auf der Fläche stehen, mal mehr oder weniger leicht wirken, mal transparent sind, sich eingraben in die Malschicht oder freigelegt scheinen, heraustreten wie entdeckte Spuren im Stein, mal wie Zufallsformen als Kratzspuren oder Graffiti ähnlich die gemalte Fläche stören und infrage stellen. Sie bringen die Farbe des Hintergrundes zum Klingen und lassen die Scala abgestufter Ton -In - Ton- Malerei lebendig werden. Meist über der Mitte treten diese einfachen Formen wie eine erstarrte Bewegungsspur aus dem imaginären Horizont der Bildfläche heraus, teilen und verwandeln sie plötzlich in Raum. Sie brechen die scheinbare Ruhe des Grundes auf und sind zugleich darin gefangen. Der Maler setzt Fleck gegen offenen Strich, verbindet sie und sucht im Widerstreit oft spröder, meist archaisch wirkender Pinselspuren das Gegenspiel von Ruhe und Bewegung und balanciert die im Bild wirkenden Kräfte aus zwischen fallen und steigen, schwer und leicht. Mal folgt er einer verborgenen Geometrie, die sich im wechselnden Rhythmus von Horizontale gegen Vertikale zeigt.

In den Zeichnungen kommt das Konstruktive stärker zum tragen. Die Linie des Bleistiftes ist beherrschendes Element, kommt aber eher leicht daher. Meist transparente Formen wirken oft schwebend, ja zuweilen spielerisch. Auf Leinwänden ist Graphitzeichnung oft nur noch angedeutet, verschwindet bisweilen ganz. Manchmal bleiben zeichnerische Elemente zurück wie Mauerreste abgetragener Form und führen ein Eigenleben in der Struktur der zum Bild gewordenen Fläche. Verwoben mit dem Bildgrund sind sie neben hervortretender Farbe als wenige zarte Striche kaum wahrnehmbar.

Michael Kain findet Anlässe in scheinbar belanglosen Beobachtungen der äußeren Welt. Paul Virilio sprach in seiner „Ästhetik des Verschwindens" von der „Durchsuchung einer Kolonne vorüberziehender objektiver Elemente, aus denen der Blick sich seine Kriegsbeute zusammensucht." Die Nachahmung erfahrener Form ist für Michael Kain indes nicht mehr wichtig sondern die Verwandlung und Neuschöpfung jener Kriegsbeute. Picasso sagte einmal: „Ich will ein Stadium erreichen, wo niemand mehr sagen kann, wie eins meiner Bilder entstanden ist. Weshalb ich das will? Ganz einfach: ich will dass es nichts weiter als Gefühl ausstrahlt."

Michael Kain will in seinen Bildern keine Erinnerung an Gesehenes wecken, keine rationale Vergleichbarkeit zulassen. Es geht ihm um das Finden des Unbekannten, Unverbrauchten, das ebenso überraschend wie geheimnisvoll die Möglichkeit von Deutungen zulässt, sie aber nicht sucht. Vor allem aber geht es um Malerei, um in Farbe gebannte Emotion, um Beunruhigung und ihren Ausdruck im Bild. Michael Kain findet hierfür eine ganz individuelle Zeichensprache, persönliche Urformen sozusagen, jenseits aller ins allgemeine Gedächtnis aufgenommenen Bildercodes. Manchmal lässt ihn gefundene Gestalt nicht sofort wieder los, wird sie in variierenden Konstellationen neu gesehen. Doch nie unterliegt der Maler der Gefahr selbstverliebter Wiederholung. Er schöpft die Möglichkeiten aus, die Farbe selbst in der Reduktion eröffnet, um die Ursprünglichkeit eigener Erschütterungen in authentische Bilder zu verwandeln. Es sind oft stille, bisweilen schroffe Bilder, fern aller verbildeten und propagierten Schönheits- und Vollkommenheitsvorstellungen, die mit dem Begriff Kunst in Verbindung gebracht werden. Allem so genannten Schönen misstraut der Maler.

Picasso sagte einmal: „Man muss sich der Kunst entledigen. Je weniger Kunst dabei ist, desto mehr Malerei findet man." (Das gleiche ließe sich analog über die Zeichnung sagen.) Ein Satz, der gut als Leitsatz über dieser Ausstellung stehen könnte.

 

Berlin, den 3. Dezember 2005 

( © Alle Rechte an dieser Rede liegen bei Anita Kühnel.)

 

[Zurück zur Seite Ausstellungen]    [Seitenanfang]    [Seite drucken]