Auszug aus der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung in Rheinsberg im Dezember 1998
Michael Kain ist kein abstrakter Maler. Seine Darstellungsweise ist stark der Realität verhaftet. ...
Es geht ihm um Zustände, momentane Eindrücke der Geschwindigkeit und emotionale Wahrnehmungen, die intuitiv aufgenommen werden. Michael Kain ist aber auch kein Naturalist, da er die Künstlichkeit der reinen Farbe bevorzugt. ... Seine Malereien erinnern an umgepflügte Äcker. Zwischen deren Farbschollen wachsen und organisieren sich Formen. Figurenwesen wühlen sich hindurch und bahnen sich ihren Weg. Die dicken Ölkrusten erzeugen den Reiz von Tiefen, unter denen das Verborgene ab und zu an die Oberfläche lugt, archäologischen, fossilen Ablagerungen ähnelnd. Unkontrollierte Lavaströme vollbringen in relativ kurzer Zeit Ähnliches wie sein farbiger Malschlamm, der nach und nach den Bildträger zudeckt. Instinktiv formt und kontrolliert er, bis das Gefühl, der Instinkt meint, dass da nichts mehr fehlt, nichts weg müsste. ...
Die Malerei hat in diesem Jahrhundert einen anderen Stellenwert erlangt. Durch Fotographie und Film in vieler Hinsicht verdrängt, will sie vom rein Abbildhaften, vom Illustrativen weg. Die Verfremdung der Form oder des Flecks sollen den Betrachter indirekter bewegen. Der Maler kommt nicht umhin, irgendeine Falle aufzustellen, in der er die fließende Wirklichkeit lebendig einzufangen hofft.
Um eine Form von Illustration auszuschließen, sieht er sich genötigt, nichtrationale Zeichen zu erarbeiten - unbewusst, damit der Zufall ständig verwertet werden kann. Und doch gilt die Bemühung dem Umstand, Wirkliches festzuhalten, was aufregend und tief ist. Eine nichtillustrative Malerei wirkt zunächst auf die Empfindung ein. Sie führt ein vollständiges Eigenleben, lebt für sich selbst, wie das Bild, das man einfangen will. Sie lebt auch aus sich selbst und sucht das Wesen des Bildes zu übermitteln. Wenn es glückt, kann der Künstler Ventile des Gefühls öffnen oder besser gesagt, entriegeln und dadurch den Betrachter mit gesteigertem Sinn in das Leben zurückschicken.Achim Niemann im Dezember 1998
( © Alle Rechte an dieser Rede liegen bei Achim Niemann.)
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