Eröffnungsrede zur Ausstellungseröffnung von Reinhardt Grimm und Michael Kain im Loft 36, Berlin am 27.10.2001

Lieber Reinhardt, lieber Michael, sehr verehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich mich bei Euch, lieber Reinhardt und Michael, für das Vertrauen bedanken, Euch und Eure Arbeiten hier heute Abend vorstellen zu dürfen. Es ist ja in der aktuellen Berliner Galerieszene üblich geworden auf diese Einführung zu verzichten. Saskia Bos, die Kuratorin der diesjährigen berlin biennale sagte unlängst auf einer Podiumsdiskussion, sie möchte dem Betrachter nicht vorgreifen und lehnt daher jeden interpretatorischen oder beschreibenden Auftakt ab. Ich sehe das anders. Wenn Galerievernissagen nicht zu einem Gesellschaftstreff der hippen Kunst-Community verkommen sollen und wir nicht alle zu Kunsttouristen mutieren wollen, dann ist eine gedankliche Annäherung an die gezeigten Werke dringend nötig, ohne dem Publikum eine Sehweise vorzuschreiben. Insofern stellen diese einleitenden Worte für mich durchaus eine Herausforderung dar und ich hoffe, dem Anspruch der beiden Künstler gerecht zu werden.

Reinhardt Grimm und Michael Kain haben – so unterschiedlich ihre Formensprache auch sein mag – viel mit einander gemein. Sie sind beide geborene Berliner und sie studierten beide Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Berlin – Weißensee. Hier lernten sie sich Anfang der 80er Jahre kennen. Ihre Ateliers liegen heute in Rüdersdorf vor den östlichen Toren Berlins. Die Landschaft ist hier rau und mitunter auch einsam. Diese geografische Notiz ist für ihr Werk nicht unbedeutend.

Das Studium in Weißensee hat beide nachhaltig geprägt. Im Gegensatz zu vielen Kunsthochschulen im Westen Deutschlands gehörte hier das Studium nach der Natur, also Aktzeichnen, Stilleben und Bewegungsstudien zum Pflichtprogramm. Obwohl sich die Hochschule vom Programm her in der Tradition des Bauhauses sah, war doch der Umgang in der Malerei und Bildhauerei auf die Wahrnehmung und Visualisierung von Mensch und Umwelt ausgerichtet. Dieses Prinzip steht im übrigen auch heute noch im Hochschulprofil.

Während sich an der Leipziger Hochschule mit Bernhard Heisig die thematische Malerei durchsetzte, stand die Ausbildung in Weißensee ganz im Zeichen der Gestaltung. Im Vordergrund wurde die Auseinandersetzung mit der Form und Farbe gestellt. Für die Malerei bedeutete dies vor allem, eine Komposition aus der Farbe heraus zu entwickeln, nicht aus der Linie. Dieses Prinzip sehen wir hier in der Malerei von Michael Kain sehr deutlich.

Gemäß den politischen Vorgaben in der DDR stand natürlich in allen Bereichen der bildenden Kunst die Figur im Vordergrund. Dieser Fokus ist trotz aller Abstraktion der hier gezeigten Arbeiten bei Reinhardt Grimm und Michael Kain so geblieben. Wenn ich eben von der Wahrnehmung und Visualisierung von Mensch und Umwelt als Ziel der Berliner Kunsthochschule sprach, dann meine ich nicht eine getreue Abbildung der Umwelt. Es geht um die Entschlüsselung von Wirklichkeit, die während des Malprozesses oder während der schöpferischen Arbeit an einem Objekt durch die Entfernung zur Wirklichkeit entsteht. Hierin liegt der Abstraktionsgrad. Um es vielleicht etwas deutlicher zu formulieren: nicht das Bild, nicht das Werk ist abstrakt, sondern die Abstraktion liegt im Schaffensprozess.

Ich möchte den Gestaltungsprozess am Werk der beiden hier gezeigten Künstler genauer erläutern.

Reinhardt Grimms Entscheidung für die Kunst war – wie er selbst einmal sagte – eine Verweigerungshaltung. Bis 1977 arbeitete er als Elektromonteur und entschied sich erst dann für das Kunststudium. Seine Haltung zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn war stark von dem Gedanken der Abgrenzung zu gesellschaftlichen Normen geprägt. Seine genaue Beobachtung von Routineprozessen und bestimmten Mechanismen innerhalb der Gesellschaft prägen auch heute noch seine Arbeiten. Im Vordergrund steht jetzt die genaue Analyse des Alltäglichen.

Seine hier ausgestellte Arbeit „Waschgelegenheit“ nimmt auf ein alltägliches Ritual Bezug: das Waschen. Vor längerer Zeit habe ich im Zuge einer Statistik den Wasserverbrauch gelesen, wie oft wir uns am Tag die Hände waschen. Es waren unzählige Male! Die Mechanik dieses meist unbewussten Prozesses greift Grimm formal auf, in dem er die hier gezeigten Waschbecken in einer gleichmäßigen Reihe aufstellt. Mit der Bewegung des Betrachters im Raum fließt in einem gleichbleibenden Rhythmus das Wasser erst in das erste Becken, dann in das zweite und so fort.

Dieser Bewegungsablauf hat jedoch nichts mit den kinetischen Maschinenwerken eines Jean Tinguely zu tun. Tinguely baut seine Werke aus vorgefundenem Material zusammen. Reinhardt Grimm dagegen würde jede Übernahme von vorgefundenem Material im Sinne eines Ready Mades oder Objets trouvés ablehnen. Er gibt seinen Installationen bzw. den Einzelteilen aus denen sie bestehen eine eigene Form. Bezogen auf die Waschgelegenheit bedeutet dies, dass Grimm nicht einfach handelsübliche Waschbecken verwendet oder abformt, sondern ihnen in einem Verfremdungsprozess eine neue Form gibt. Die Becken sowie der Wassertrog sind in den Proportionen präzise moduliert und gegossen. Ihr Material hat die schimmernde Transparenz und Wärme von Alabaster. Ihre Formen sind archaisch und verweisen so zurück auf das Ursprüngliche der an ihnen vollführten Handlung des Waschens.

Bezeichnend für die Arbeiten Reinhardt Grimms ist, dass er den kinetischen Mechanismus seiner seit 1991 entstehenden Rauminstallationen und Plastiken stets offen legt. Der Antrieb, in diesem Fall die Pumpe, bleibt nicht im Verborgenen. Im Gegenteil: das glänzende Material steht in starken Kontrast zum warmen Acryl der Becken und fällt dadurch ins Auge. Die Maschine wird als eigenständiges Objekt definiert. Mit den im Raum ausgelegten Schläuchen bildet die Pumpe einen Kreislauf, der hier – wie immer bei Grimm – mehrdeutig definiert werden kann: als Kreislauf des menschlichen Organismus, des alltäglichen Lebens oder des Versorgungskreislaufes.

 

Michael Kain

Ausgangspunkt des künstlerischen Schaffensprozess von Michael Kain ist wie bei Grimm die reflektierende Wahrnehmung. Während Grimm jedoch in seinen Installationen auch anfänglich schon eine konkrete Idee verfolgt, deren Gestalt sich dann erst im Prozess manifestiert, so steht in der Malerei von Michael Kain am Anfang nur die Farbe. Er entwickelt seine Bilder ausschließlich aus der Farbe heraus.

Die hier ausgestellten Arbeiten gehören einem Zyklus von Tierbildern an, den Kain vor zwei Jahren begonnen hat. Die Titel verraten schon etwas vom Entstehungsprozess der Bilder: Horizonttiere heißt das Bild an der linken Wand oder Schlangenweiß und Schwanztierrot das große Bild hinter mir.

Diese poetischen Namen verbinden jeweils zwei Begriffe: die Figur und das zentrale Gestaltungselement der Komposition: die horizontale Teilung des Bildes hier und die Farbgebung dort. Michael Kain beginnt seinen Malprozess ohne eine konkrete Vorstellung der Figur. Sie ergibt sich von selbst während er die verschiedenen Farbschichten aufträgt. Dieser Prozess kann sich über mehrere Monate erstrecken oder sehr schnell entstehen. Kain schält die Tierfiguren aus diesen Farbschichten heraus.

Kain arbeitet nicht mit Vorstudien, auch wenn er regelmäßig Zeichnungen nach der Natur anfertigt, Tierdarstellungen ebenso wie Aktzeichnungen. Sie schärfen beständig den Blick für die Figur. Doch als Vorlagen benutzt er sie nie. Für Michael Kain ist – überspitzt formuliert - der Arbeitsprozess wichtiger als das fertige Bild.

Ich habe anfangs das Atelier der beiden Künstler in Rüdersdorf erwähnt. Hier in den Bildern von Michael Kain macht sich der Einfluss der rauen Landschaft besonders bemerkbar: die Farben sind erdig, warm und schwer. Der Einsamkeit des Landes entspringt vielleicht auch jener archaische Moment, jenes Ursprüngliche, das sich im Werk dieser beiden Künstler findet. Michael Kain ist mit dieser Landschaft innerlich verbunden. Von seinen Reisen nach Italien berichtet er, dass er die italienische Landschaft meist als süßlich empfindet. Wer die Berliner Luft gewöhnt ist, der kann nicht in wenigen Tagen oder Wochen die innere Distanz dem gleißenden Licht des Südens gegenüber überwinden. Der bildnerische Prozess ist eben immer auch ein emotionaler.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch kurz einen allgemeinen Aspekt zur aktuellen Kunst in Berlin ansprechen, der in dieser Ausstellung einen wohltuenden Gegenpol findet. Mir ist aufgefallen, dass es in der zeitgenössischen Kunst der letzten 10 Jahre eine Tendenz zur Abbildung der Oberfläche gibt. Ich spreche bewusst von Abbildung, da ich hinter den zahllosen Darstellungen von Fassaden – und ich meine hier Fassaden im architektonischen wie soziologischen Sinne - keine bildnerische Durchdringung erkennen kann. Vielfach sehe ich nur eine Orientierung am Design, nicht aber eine Auseinandersetzung mit der Form als Ausdruck substantieller Wahrnehmung. Da die Kunst in gewisser Hinsicht immer ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, ist dieser Ansatz vielleicht nicht überraschend.

Um so wohltuender ist es, wenn man Arbeiten begegnet, die ein „Dahinter-Schauen“ ermöglichen und offen legen. Den Arbeiten von Reinhardt Grimm und Michael Kain liegt dieses „Anschauliche Denken“ im Sinne Rudolf Arnheims zugrunde. Dieses Anschauliche Denken heißt, dass vor allem die visuelle Wahrnehmung im Bilden von Formen besteht. Diese Formen vermittelt eine gültige Interpretation von Erfahrung und sind zugleich ein Erkenntnisgewinn. Ich möchte den beiden Künstlern Reinhardt Grimm und Michael Kain danken, dass sie uns an ihren Erfahrungen heute teilnehmen lassen und wünsche Ihnen viel Spaß bei der Anschauung. Vielen Dank!

Heike Catherina Müller

( © Alle Rechte an dieser Rede liegen bei Catherina Müller.)

 

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